19.11.2014 – Mitteldeutsche Zeitung

Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz – Runder Tisch gegen die Krise

Biosphärenreservat «Karstlandschaft Südharz». (BILD: MZ-GRAFIK)

VON HELGA KOCH | 19.11.2014 09:37 Uhr | Aktualisiert 19.11.2014 09:47 Uhr
Anfang 2015 wollen Politiker und Unternehmer beraten, wie sich Wirtschaft und Umweltschutz im Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz vereinbaren lassen. Clemens Ritter von Kempski schreibt in einem Offenen Brief von „Stillstand, Blockade und einem ressourcenfressenden Grabenkrieg.“

ROSSLA/MZ. Sollte Hermann Onko Aeikens (CDU), Landwirtschafts- und Umweltminister von Sachsen-Anhalt, am Montag durch Wickerode gefahren sein, dürfte er das große Plakat kaum übersehen haben. „Nein zum Biosphärenreservat, gegen politische Willkür und Enteignung“. Und dazu die Aufforderung in deutscher Frakturschrift, wie sie in rechten Kreisen gern verwendet wird: „Klagt nicht, kämpft!“ Doch selbst diese Entgleisung dürfte Aeikens nicht erschüttert haben. Denn er kennt die Bedenken gegen das seit 2009 ausgewiesene Biosphärenreservat im Südharz, spürt aber auch vermehrt Zustimmung. Die Bundestagsabgeordnete Uda Heller (CDU) sagte, sie bewundere Aeikens’ „große Geduld und sein Engagement“ für das Reservat. Der Minister hatte den ganzen Tag über Betriebe der Region besucht und zahlreiche Gespräche geführt.

Politiker aller Ebenen und Vertreter der Wirtschaft diskutierten fast zweieinhalb Stunden in Roßla, wie Wirtschaftsentwicklung und Umweltschutz vereinbar sein könnten. Sei ein Reservat, fragte der CDU-Landtagsabgeordnete André Schröder als Gastgeber, hinderlich oder eine Vermarktungschance? Und es gab sogar ein Ergebnis: Im ersten Quartal 2015 werden sich entscheidungsbefugte Vertreter des Ministeriums, der Gemeinde Südharz, aus Industrie und Tourismuswirtschaft am Runden Tisch treffen. Er soll durch einen neutralen, juristisch erfahrenen Moderator geleitet werden.

Dramatischer Schaden 

Dass Bewegung der Südharz-Region guttun würde, darin war man sich einig. Clemens Ritter von Kempski beschrieb die Situation aus seiner Sicht: „Stillstand, Blockade und ressourcenfressender Grabenkrieg. Konkret geht es um den Ringkampf ’Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz’.“ Der jetzige Zustand schade der Region dramatisch: „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen mit ausschließlich Verlierern.“ Das sei nicht akzeptabel.

Clemens Ritter von Kempski

Clemens Ritter von Kempski (BILD:  )

Von Kempski formulierte und begründete drei Thesen in einem offenen Brief, den er an alle Teilnehmer der Gesprächsrunde richtete. Der Bürgermeister von Südharz, Ralf Rettig (CDU), fühlte sich – wie stets in solchen Debatten – verpflichtet, die Probleme im thüringischen Teil des Biosphärenreservats Röhn aufzuzählen, das er vor zwei Jahren besucht habe, und vor einer ähnlichen Entwicklung zu warnen. Dabei hatte er noch kurz zuvor der Bundestagsabgeordneten Uda Heller vorgeworfen, die von ihr genannten Zahlen zur positiven Entwicklung des Biosphärenreservats Schorfheide drückten ja nur das aus, was der Auftraggeber des Gutachtens habe hören wollen.

Von Kempskis offener Brief

Kein Tourismus ohne Rohstoffindustrie
Ohne die Rohstoffindustrie Gips und Holz gibt es keinen prosperierenden Tourismus im Südharz. – Über den Anblick des Gipsabbaus oder der Werkhallen der Holzindustrie hat sich kein Tourist je beschwert. Problematisch sind die leeren Gaststätten. In Stolberg sind Häuser zu verkaufen, andere verfallen. Helfen kann nur die Industrie mit neuen, gut dotierten Arbeitsplätzen, hohen Investitionen, stabiler Kaufkraft in der Region. Die Entwicklung der Industrie muss im Rahmen der Verfügung des Reservats für einen vernünftigen Zeitraum gesichert werden.

Industrie profitiert vom Tourismus
Die Industrie braucht und profitiert von der touristischen Entwicklung der Region. – Wer qualifizierte Fachkräfte haben oder ausbilden will, braucht mehr als einen Arbeitsplatz mit Lohn. Die qualifizierten Menschen haben in Deutschland die Wahl. Ein prosperierender Tourismus mit Gaststätten, Bars, Hotels, Geschäften, Attraktionen und kulturellem Angebot macht die Region auch für Fachkräfte interessant. Daher ist alles daran zu setzen, den Südharz – mit all seinen authentischen Kultur- und Naturschätzen – zu einer der attraktivsten Teilregionen Deutschlands zu machen.

Zusatz-Forderungen gefährden Reservat
Zusätzliche, womöglich versteckte Forderungen des Naturschutzes sind die größte Gefahr für die Etablierung des Reservats. – Ein nach Unesco-Kriterien ausgewiesenes und geführtes Biosphärenreservat ist ein auch für die Industrie akzeptables Konstrukt. Doch die von den Unesco-Kriterien abweichenden, oft aus den Naturschutzbewegungen kommenden Forderungen schüren Unsicherheit und Angst und führen letztlich zur Blockade. Diese gut gemeinte, aber fehlerhafte Entwicklung muss korrigiert und wieder mit Vertrauen erfüllt werden – mit justiziablen Verfügungen.

Rettig erinnerte, dass 2009 die Hälfte der Gemeinden im Südharz das Reservat abgelehnt habe. Auch der Gemeinderat von Südharz habe sich voriges Jahr dagegen entschieden: „Das bitte ich zu akzeptieren.“ Prompt musste er sich von Bergas Bürgermeisterin Marlies Schneeberg (CDU) erinnern lassen, dass sie einst beide auf der Gründungsurkunde des Reservats auf der ersten Seite unterschrieben hätten: „Wir waren uns einig, der Heimat Gutes zu tun.“ Sie sitze für die Wirtschaft und mit ihrem „halben grünen Herzen“ wegen des Siebengemeindewalds am Tisch. Es dürfe „keine versaute Gegend draus werden“, die man mit viel Geld wieder aufbauen müsse. Und sie erinnerte an die Milliarden zur Sanierung der Tagebaurestlöcher.

Christiane Funkel vom Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz erläutert am Natureingang die Geschichte des Naturschutzgebietes um die Heimkehle. (BILD: ROHLAND)

Offensichtlich gibt es trotzdem noch viel Misstrauen. Etwa, ob in der Pflegezone, beispielsweise in Breitungen, Natur- und Mineraldünger erlaubt sei. Dazu erklärte die kommissarische Reservats-Chefin Christiane Funkel, dass es durch das Reservat keine zusätzlichen Einschränkungen gebe. Breitungen liege seit 1996 im Naturschutzgebiet. Damit sei das Ausbringen von Gülle, Jauche, Klärschlamm, Fäkalien und Abwasser tabu. Die Verordnung genehmige aber, Herbizide und Pestizide auf Acker- und Intensivgrünlandflächen einzusetzen und auch die Kirschfruchtfliege zu bekämpfen.

Und Minister Aeikens betonte, sowohl Industrieflächen als auch Land- und Forstwirtschaft könnten sich in der Region entwickeln. Er lud Rettig ein: Sollte ein Investor wegen des Reservats Bedenken haben oder abspringen wollen, „dann kommen Sie mit diesem Investor zu mir!“

Quelle: www.mz-web.de

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