01.03.2013 – Mitteldeutsche Zeitung

WELTNATURERBE NICHT GEWOLLT

01.03.2013 11:39 Uhr
 
VON HELGA KOCH
Der Südharz-Gemeinderat lehnt den Antrag des Landes an die Unesco auf Anerkennung der Karstlandschaft ab. Die Reaktionen fallen verschieden aus. Betroffene Gesichter bei den wenigen Befürwortern im Gemeinderat. Enttäuschung bei all denen, die noch mit einem winzigen Fünkchen in die Ratssitzung gekommen waren
.
ROSSLA/MZ. Am Mittwoch, kurz vor 19 Uhr, ist die Hoffnung gestorben. Das Land Sachsen-Anhalt wird keinen Antrag auf Anerkennung der Karstlandschaft Südharz als Weltnaturerbe bei der Unesco stellen (die MZ berichtete), so haben es die Südharz-Gemeinderäte mit großer Mehrheit beschlossen.

Hatte der Aufbau des Biosphärenreservats alles in allem 20 Jahre gedauert, fiel nun die politische Entscheidung binnen weniger Minuten. Denn die Argumente für oder wider das Reservat waren über Jahre ausgetauscht worden.

Bürgermeister Ralf Rettig (CDU) hatte die Zustimmung der Gemeinde davon abhängig gemacht, ob eine „belastbare Vereinbarung“ mit dem Umweltministerium des Landes zustande komme. Damit sollte, wie der Anwalt der Gemeinde betonte, eine notfalls auch gerichtlich einklagbare Sicherheit festgeschrieben werden: Durch das Reservat sollte es keine Verschlechterungen für die Gemeinde geben. Dabei sei man, wie Rettig sagte, „fast auf einen Nenner gekommen.“ Aber das Ministerium habe keine verbindliche Zusage geben können, dass ein Biosphärenreservat keine Einschränkungen bedeuten würde, und das sei der wichtigste Punkt gewesen. Rettig: „Wir haben wirklich drum gekämpft. Das Ministerium war nicht bereit, uns entgegenzukommen.“

Da nützte es auch nichts, dass Rolf Kutzleb, Gemeinderat aus Hainrode, aufzählte, was beispielsweise in seinem Heimatort alles gemeinsam mit dem Biosphärenreservat aufgebaut wurde und geleistet wird: Betreuung im Schullandheim, Schaffung des Dorfladens und der Sitzplätze, Pflege der Wanderwege und der Streuobstwiese, Neuanpflanzungen, Vermarktung regionaler Produkte, Gestaltung von Broschüren, Unterstützung bei deutschland- und europaweiten Wettbewerben – belohnt mit dem Europäischen Dorferneuerungspreis 2012.

Doch Kutzlebs Antrag, noch mal an den Verhandlungstisch zurückzukehren, scheiterte. Rettig bat die Gemeinderäte förmlich darum, die seit Juni des Vorjahres erarbeitete Vereinbarung mit dem Ministerium abzulehnen. Was mit ebenso großer Mehrheit passierte, wie postwendend der Unesco-Antrag durchfiel.

Betroffene Gesichter bei den wenigen Befürwortern im Gemeinderat. Enttäuschung bei all denen, die noch mit einem winzigen Fünkchen in die Ratssitzung gekommen waren und die vom „Aktionsbündnis Pro Biosphärenreservat“ gesammelten 5 196 Unterschriften übergeben hatten. Gelassenheit hingegen bei jenen, die gegen das Reservat stimmten oder diese Entscheidung erhofft hatten.

Sehr unterschiedlich fielen gestern die öffentlichen Reaktionen aus. Einzig die Industrie- und Handelskammer Halle begrüßte das Votum aus dem Südharz. Geschäftsführer Reinhard Schröter lobte, das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial sei höher bewertet worden als „die vage Hoffnung auf ein Mehr an Touristen“.

Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU), der vor zwei Wochen selbst noch mal in Roßla für den Welterbestatus geworben hatte, reagierte enttäuscht: „Die Chance, die jahrzehntelange, erfolgreiche Entwicklung des Biosphärenreservats mit der Unesco-Anerkennung zu krönen, ist durch die Gemeindevertreter um Bürgermeister Rettig vertan.“ Das Ministerium sei bis über die Schmerzgrenze hinaus zu Kompromissen bereit gewesen. „Rettig blockierte am Ende jeden Kompromiss.“ Es sei fraglich, ob nun das Biosphärenreservat in nationaler Anerkennung weiter existieren könne. „Über die Konsequenzen werden wir im Kabinett reden.“

Der Sangerhäuser CDU-Landtagsabgeordnete André Schröder erklärte, die Entscheidung des Gemeinderates zu akzeptieren. Doch sei er sicher, dass sich durch den Beschluss „der Rahmen für die gute Wirtschafts- und Regionalentwicklung verschlechtert“ und „keine neuen Perspektiven“ entstünden. Enttäuscht äußerte sich die SPD-Landtagsabgeordnete Nadine Hampel aus Riethnordhausen. Eine für die strukturschwache Region einmalige Chance sei ausgeschlagen worden, wofür Bürgermeister Rettig zu allererst verantwortlich sei: „Die Zeche zahlen die Generationen nach Rettig!“

Quelle: www.mz-web.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s